Mittelalterliche Hochzeit im Schloss Auerbach

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Hochzeit mit Gewandung, Handfasting und Met

Der Handfasting-Knoten wird hochgehalten.

„Seid gegrüßt liebreizende Braut und seid mir willkommen ehrenwerter Bräutigam!“, rief ich zu Beginn der mittelalterlichen Hochzeit auf dem Schloss Auerbach in Bensheim. Die Zeremonie war durchdrungen von Liebe und Tränen. Ein kleiner und feiner Haufen fand sich ein, um zwei Menschen in rustikaler Weise in die Ehe zu leiten. Meine Begrüßung und auch die Zeremonie folgte dem mittelalterlichen Stil:

„Es ist mir eine Freude, Euch hier zu erblicken. Ihr habt geladen, und viele Menschen sind dieser Ladung gefolgt und geben sich die Ehr‘, dabei zu sein, wenn ihr euch vermählt!

Seid gegrüßt, ehrenwerte Damen und ehrenwerte Herren, verehrte Freunde und verehrte Familie, ich grüße euch alle, die sich in großer Schar eingestellt haben!

Ich sehe wohl, Ihr habt einen trefflichen Geschmack, denn ihr habt euch aus hervorragendem Tuche wahrliche Meisterstücke an Gewandung erstellt! Die Schneidereien haben nur feinste Stoffe verwendet und höchste Künste daran walten lassen.

Den Edlen aller Herren Länder sey verkündet, dass ihr beide den Bund der Ehe eingehen wollt.

Ihr habt nicht, wie sonst üblich, Rat eingeholt, sondern ihr seid euren Herzen gefolgt und einfach durchgebrannt.

So lasst uns mit der heiligen Zeremonie beginnen…“

Gewandung und Schuhwerk – für mittelalterliche Laien erklärt

Die Gäste wurden ermuntert, ebenfalls in mittelalterlicher Gewandung zu erscheinen. Das war ein Angebot für diejenigen, die Lust darauf hatten. Das Hochzeitspaar gab dafür Tipps, wo diese Gewandung erstanden werden kann. Ich erwarb ein blaues Leinenkleid im Ritterladen https://www.ritterladen.de/ und war sehr zufrieden. Die Gäste durften aus allen Farben wählen, außer rot, das war dem Hochzeitspaar vorbehalten.

Das Mittelalter umfasst eine Zeit von 1.000 Jahren! Das bedeutet 500- 1500 nach Christus, also eine ganz schön lange Zeit. Darin verborgen sind verschiedene Epochen mit unterschiedlichen Gewändern und Stilen. Das Hochzeitspaar legte Wert darauf, dass jeder so kommen darf wie er oder sie möchte. Ich verstand, dass manche der angebotenen Stoffe in Internetshops eher Folklore oder einer Art Kostümierung nachempfunden sind, anstatt dass sie ein echtes Mittelalter-Kostüm darstellen.

Eine mittelalterliche Gewandung wird vor allem durch das Zubehör authentisch. Dazu gehören Fläschchen, Beutel, Gürtel und Taschen, alle aus Naturmaterialien, die an den Körper gehangen und geschnallt werden. Ich habe mir eine Gewandung gekauft, die ich versucht habe auf authentische, frühe Art so zu bügeln, dass sie ungebügelt und trotzdem adäquat aussieht. Meine Haare wollte ich mit einem Leinenband so zusammenbinden, dass es schön und gleichzeitig gekonnt-ungekonnt aussieht. Die Flechtfrisur wäre noch besser gewesen, da fehlte mir an dem Tag nur leider die Geduld und die Assistentin!

Wichtig ist zu wissen, dass die Gewandung, die wir heute als Kleid erkennen, unter strenger, mittelalterlicher Betrachtung eher als unvollständig gesehen wird, d.h. unter einem Kleid trägt man als Frau eigentlich noch ein Unterkleid aus Leinenstoff. Ich bin in dieser Hinsicht beinahe nackt zur Hochzeit gegangen!

Nackt waren auf jeden Fall meine Füße, denn ich liebe es barfuß zu gehen. Das Hochzeitspaar sicherte mir zu, dass die authentischste Art, mittelalterlich unterwegs zu sein, barfuß ist. Genial für mich!

Blumenschmuck und mittelalterliche Dekoration

Die Braut trug eine Blumenkrone und ein Brautarmband, anstelle eines Brautstraußes. In die Blumenkrone war unter anderem Rosmarin eingearbeitet, dieser Duft hält böse Geister ab und steht symbolisch für Treue, Glück, Liebe und bleibende Erinnerung. Im Mittelalter wurde Rosmarin übrigens in der Kirche angezündet, wenn es einen Mangel an Weihrauch gab.

Der Bräutigam erhielt einen Anstecker aus den Kräutern und Blumen des Brautarmbandes. Die Farben der Dekoration waren in creme-weiß-grün gehalten, als Kontrast zu den roten Gewändern des Hochzeitspaares.

Die mittelalterliche Hochzeit wurd mit dem Handfasting-Ritual besiegelt.

Der Trautisch war Altar-ähnlich gestaltet und mit einem roten, groben Leintuch bedeckt. Rechts und links flankierten Olivenbäume die Szenerie, ein Symbol für Frieden, Liebe und Treue.

Auf dem Altar stand eine Laterne mit einer Kerze, die als Teil der Zeremonie vom Paar nach dem Einzug angezündet wurde.

Ringtausch und Symbol Handfasting – Infinity knot

Der Ringtausch wurde, anders als bei üblichen Zeremonien, zu Beginn der Trauung vollzogen, denn der Höhepunkt und die eigentliche Handlung in mittelalterlichen Hochzeiten ist das Handfasting.

Das Handfasting ist ein keltisches Ritual, ein Ritual der wenigen Ungläubigen, auch zu sehen im Film „Braveheart“. Mel Gibson heiratet darin ohne Kirche – total entgegen der damaligen Norm, daher ist es auch ein Ritual der heimlichen Vermählung.

Vom Ablauf her ist Handfasting das rituelle Verbinden der Hände eines Paares mit Bändern als Teil einer Trauungszeremonie. Braut und Bräutigam werden durch einen Knoten miteinander verbunden und zeigen damit symbolisch ihre Verbindung als Paar. Die Bänder sind der sichtbare Beweis, eine Verbindung zwischen zwei Menschen zu schaffen.

Handfasting leitet sich von Handfaste ab, das ist ein geschlossener schriftlicher Vertrag. Manche kennen diesen Knoten auch als infinity knot in englisch-sprachigen Beiträgen. Ich habe verschiedene Arten des Knüpfens im Video aufbereitet: https://freiheiraten.de/traurituale-freie-trauung/.

Für das Ritual bereitete die Braut Bänder in rot und weiß vor, die der Anzahl der Gäste entsprach und deren Anzahl zudem durch drei teilbar war. Die Enden wurden später zu einem keltischen Zopf geflochten, der bei dem Paar einen heiligen Platz zu Hause fand.

Ich bat Braut und Bräutigam, ihre Hände übereinander zu legen und legte das erste Band über ihre Hände. Dabei sprach ich Worte, die ihre starke Verbindung zueinander repräsentierten und anschließend durfte jeder Gast nach vorne kommen und ein Band über ihre Hände und damit in ihren Knoten geben.

Jeder durfte dem Paar etwas mit auf den Weg geben und das waren die Minuten, bei dem jeder der Anwesenden vor Rührung weinen musste. Diese Momente hatten es in sich, die gesamte Ladung an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entluden sich in diesem Knoten.

Die Bänder knotete ich anschließend zu einem starken Knoten über den Handrücken zusammen.

Traufragen – mittelalterlich

Noch während das Paar mit dem Knoten gebunden war und sie die beiden Enden festhielten, stellte ich ihnen die Traufragen. Dafür wählten wir die Variante, dass sie mir abwechselnd Sätze nachsprachen, die ich vorsagte:

„Ich nehme dich an als meinen Mann. Ich nehme dich an als meine Frau, so wie Du mich angenommen hast. Hand in Hand werde ich mit dir dunkle Pfade durchschreiten und auf Lichtungen Rast machen. Ich werde unsere Liebe und Zuneigung nähren und unsere Träume in Erfüllung gehen lassen. Du bist meine Zukunft und meine Familie. Und so sage ich Ja zu einem Leben mit Dir.“

Und obwohl wir als außenstehende es vor Tränen und Gefühlen fast schon nicht mehr aushielten, formulierte das Hochzeitspaar noch ihre eigenen, persönlichen Worte in einem Ehegelöbnis füreinander.

Heul und Schluchz!

Anstoß mit Met und Jubel

Die Zeremonie wurde durch einen Kuss besiegelt. Die Gesellschaft formte ein Spalier, durch das das Hochzeitspaar ihre ersten Schritte als Ehepaar ging.

Am Ende wartete der Herold und seine Helferinnen auf das Paar und reichte Met aus echtem Trinkhorn. Die Gäste tranken Drachenglut im Tonkrug, eine alkoholische Mischung aus Holunderbeeren, Kirschen und Honig. Wir stießen miteinander auf die Liebe dieses besonderen Paares an.

Mein Wunsch an das Paar

„Ehrenwerte Braut und ehrenwerter Bräutigam, ihr seid nun vermählt. Es bleibt mir nur noch einen von Herzen kommenden Gruß an euch zu richten.

Möge euch Liebe, Zweisamkeit, Verständnis füreinander und auch Überraschendes euren Weg begleiten – an jedem einzelnen kommenden Tag, wenn die Sonne den Horizont durchbricht.

Und wer weiß…vielleicht sitzt auf dem Pfad der Zukunft ein Dackelmischling im Eigenheim.

So gehet denn wohl eurer Wege und lasset euch bejubeln!

Jubel!“

Ritterspiele, Rittermahl und Tanz ums Feuer

Nach einem modernen Fotoshooting wurde zu den Ritterspielen geladen. Die Ritterliche Turney wurde moderiert vom Herold, d.h. von Malte Hölzel vom Schloss Auerbach: Es gab Axtwerfen, Hufeisenwurf, Kirschenspucken sowie Bogenschießen!

Der Herold führte das Volk in mittelalterlicher Manier durch den Tag. Seine Frau Julia Hölzel organisiert mit ihm gemeinsam die Spektakel der Burgschenke auf dem Schloss. Ich war sehr angetan von ihnen und von der zugewandten Art und der detailverliebten Genauigkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Burgschenke. Der Trauplatz wurde nach Vorgaben des Hochzeitspaares gestaltet und die übrigen Besucher, die das Schloss besichtigen wollten, wurden an dem Trauplatz vorbeigeführt. So wurde es intim und schön.

Das Rittermahl mit Truthahn wurde auf dem Holzbrett serviert und von der Hochzeitsgesellschaft als echtes Spektakulum zelebriert. Speisen und Getränke wurden in mittelalterlicher Weise aufgetischt. Ein Schmaus!

Ein Feuerspektakel rundete die Feier zu später Stunde ab.

Ich empfehle die Burgschenke und auch das Schloss mit Trauplatz allen Fans von urigen Erlebnissen! Hier gehts zur Burgschenke im Schloss Auerbach: https://www.schloss-auerbach.de/burgschenke.

Mittelalterliche Hochzeitsfotografie von Tamara Hiemenz

An meiner Seite stand als Hochzeitsfotografin Tamara Hiemenz. Ein echter Schatz und eine Könnerin. Wir haben uns wissend angeblickt und tupften uns hinterher die Tränen ab. Nur wer dabei war, versteht, wie krass es war, was da geballt gefühlt wurde.

Ihre Fotos zeigen genau diese Emotionen. Vielen Dank, dass ich eine Auswahl davon hier zeigen darf! Danke an Tamara und danke an mein liebes Paar.

Meine klare Empfehlung für diese großartige Fotografin. Ihre Webseite findet ihr hier:  www.tamarahiemenz.de und ihr Instagram Profil da: https://www.instagram.com/tamara_hiemenz_hochzeiten/.

Weitere Ideen für Mittelalter-Hochzeiten

Wir gestalteten diese Zeremonie nach mittelalterlichem Vorbild, aber nicht streng authentisch. Es sollte locker sein und für die Kennenlerngeschichte des Paares und ihre Liebesgeschichte wechselte ich in die heutige Alltagssprache und erzählte von Software und anderen teuflischen Dingen. So eine Zeremonie wird besonders gut, wenn sich niemand sklavisch und strikt einer Art unterwerfen muss, sondern wenn alles so kommen darf und alle so sein dürfen wie sie Lust haben.

Mein Redemanuskript heftete ich in eine Art Ringbuch ein, das ich von außen mit einem alten Stück Leinenstoff einschlug. Die Seiten bügelte ich um das Ringbuch und befestigte die Mitte mit Bast. So fügte es sich wunderbar ins Bild.

Vorab befragte ich meine Quelle des Wissens Markus Grünling. Er ist ehemaliger Priester der katholischen Kirche und ist seit vielen Jahren als freier Theologe aktiv. Wenn ihr eine Frage habt und euch auf echtes Wissen verlassen wollt, ohne Gefahr zu laufen, dass das Internet irgendwelche halbgaren Fakten verbreitet, dann kontaktiert ihn unter marcmcgreen@web.de und https://heiraten-und-mehr.de/ ! Ich habe viele der genannten und nachfolgenden Informationen von ihm erhalten, mit der man jede mittelalterliche Hochzeit noch reichhaltiger gestalten kann.

Grundsätzliches zu Hochzeiten im Mittelalter

Von germanischen Hochzeitsbräuchen ist nicht viel bekannt, auch weil sie keine Schrift hatten. Nur aus den Eddas, das heißt aus den skandinavischen Götter- und Heldensagen die auf altisländisch verfasst sind, lässt sich einiges erschließen.

  • Der Handschlag war wichtig, denn es symbolisierte den Abschluss des „Geschäfts“. Ebenso wichtig war das Trinken von Bier oder Met sowie zusammen zu essen. Essen und Trinken galt als kultisch und fest verbindend.
  • Es wurden Kräuter auf die Bänke gestreut, wahrscheinlich war das Wacholder, als magischer Schutz vor bösen Einflüssen jedweder Art.
  • Statt Reis wurde Weizen über das Brautpaar geworfen als Wunsch für Wohlstand, Glück und Fruchtbarkeit.
  • Die Braut trug wohl einen roten Schleier, was auf einen römischen Brauch zurückgeht.
  • Es gab eine Art „Unterfassen der Unterarme des Mannes“ durch die Braut beim Einzug.
  • Feuer war immer ein wichtiger Bestandteil der Zeremonie. Feuer wurde als Fackel, ein richtiges Feuer oder lediglich ein Kienspan integriert. Kerzen waren damals aus Bienenwachs und damit sehr teuer.
  • Vor Beginn des 19. Jahrhunderts trug die Braut statt einem weißen Kleid ein schwarzes Kleid. Für eine traditionelle Mittelalterhochzeit darf das Brautkleid aber auch gerne wallend und farbenfroh sein.
  • Hochzeitskrone: der Bräutigam (der Ritter) überreicht seiner Edeldame zu Beginn der Zeremonie einen Kranz aus Orangenblüten oder Kräutern. Die Krone steht für Glück und Fruchtbarkeit in der Ehe

Fazit: mit Entzünden der Kerze, dem Ringtausch, Handfasting, Eheversprechen, Spalier stehen und Anstoßen mit Met hatten wir schöne und passende Rituale. Es reicht aber auch weniger aus, wenn die Gesamtszenerie stimmt. Eine ungehobelte Direktheit und ein guter Trunk helfen ebenfalls😊 Die oben genannten Details könnten nach Gusto miteinander kombiniert werden.

Viel Vergnügen wünscht

Ingrid

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Rednerin Ingrid Rupp
Foto: Dana Rösiger

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